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Sendung vom 16.10.2007

Lebensmittel: Ungerechtfertigte Preisaufschläge

Dienstag, 16. Oktober 2007, 2:00 Uhr

Hersteller verlangen für ihre Produkte künftig massiv mehr. Schuld seien die hohen Rohstoffpreise, klagen sie. Doch das ist oft ein Vorwand. Kassensturz rechnet vor, welche Preisaufschläge gerechtfertigt sind.

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Lebensmittel: Ungerechtfertigte Preisaufschläge

Konsumenten müssen bald mehr für Lebensmittel bezahlen, zum Beispiel für Brot und andere Backwaren. Auch Milchprodukte kosten mehr, ebenso Bier. Der Grund für die Preiserhöhungen seien die steigenden Rohstoffpreise, so die Lebensmittelbranche. Weizen zum Beispiel kostet deutlich mehr. Ebenso Hopfen: Er ist doppelt so teuer wie im letzten Jahr. Auch Milchpulver kostet auf dem Weltmarkt mehr, der Milchpreis steigt.

Verdacht der Unverhältnismässigkeit

Doch der Rohstoffanteil ist bei vielen Lebensmitteln klein, weiss Urs Schneider vom Bauernverband. Er warnt vor übertriebenen Preiserhöhungen: «Wir müssen jetzt aufpassen, dass nicht unverhältnismässige Aufschläge erfolgen. In den letzen 15 Jahren sind die Rohstoffpreise jedoch um 25 Prozent zurückgegangen. In den Läden sind die Preise dabei stabil geblieben oder sogar noch erhöht worden. Dementsprechend können jetzt auch die Ladenpreise nicht so stark steigen.»

Der Verdacht: Hersteller und Detailhändler nutzen die steigenden Rohstoffpreise als Vorwand für Preiserhöhungen, die gar nichts mit den Rohstoff-Preisen zu tun haben. Beispiel Brot: Weizen ist teurer geworden, Bäckerei-Betriebe müssen deshalb mehr fürs Mehl bezahlen. Der steigende Mehlpreis hat Folgen. Lorenz Wyss, Chefeinkäufer Food bei Coop, kündigt auf den 1. November eine Erhöhung des Brotpreises an. Beim Inland-Weizen habe der Preis pro Kilogramm um 10 Rappen, beim Import um 20 Rappen aufgeschlagen. «Das führt dazu, dass es beim Brot zu Preisaufschlägen kommt zwischen 13 und 17 Rappen pro Kilogramm», rechnet Wyss von Coop.

Kaum Spielraum für höhere Margen

Die Bäckereien planen noch höhere Preisaufschläge als Coop: Für ein Kilo Ruchbrot verlangen sie 30 oder gar 40 Rappen mehr. Kassensturz rechnet nach: Ein Kilo Ruchbrot kostet in Bäckereien rund 4 Franken. Der Weizen-Anteil macht bei einem Kilo Brot 54 Rappen aus. Dieser Anteil ist nach Auskunft des Bundesamtes für Landwirtschaft innerhalb eines Jahres um 5 Rappen teurer geworden – weniger als Coop angibt. Der Weizen im Brot kostet somit neu 59 Rappen. Die gestiegenen Rohstoffpreise verursachen also eine Preiserhöhung von nur 5 Rappen.

Rohstoffpreise als Vorwand für übermässige Preiserhöhungen? Coop sagt, wegen der grossen Konkurrenz liege das gar nicht drin. Lorenz Wyss: «Ich denke da an neue Harddiscounter, die in der Schweiz Fuss gefasst haben und an solche, die noch kommen. Wir haben gar keinen Spielraum, unsere Marge zu optimieren.»

Steigende Rohstoffpreise als Vorwand

Für Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger sind steigende Rohstoffpreise häufig nur ein Vorwand: «Das ist ein willkommener Anlass, um die Preise jetzt zu erhöhen, weil man eine Preiserhöhung natürlich nicht gut damit begründen kann, dass man eine höhere Gewinnmarge erzielen will im Lebensmittelhandel. Das wird von den Verbrauchern im Allgemeinen nicht akzeptiert.» Wenn man aber die Aufschläge mit den gestiegenen Rohstoffpreisen rechtfertige, könne der Konsument halt nichts machen. Dann sei es der Weltmarkt, der das so bestimme. Das akzeptiere der Kunde viel eher. «Also wird man jetzt versuchen, die Preise zu erhöhen», ist Binswanger überzeugt.

Auch Hopfen und Malz, die Rohstoffe im Bier, sind teurer geworden. Brauereien verlangen im nächsten Jahr 4 bis 8 Prozent mehr für ihr Bier. Allerdings: Die gestiegenen Rohstoffpreise rechtfertigen nur die Hälfte der Preiserhöhung. Konrad Studerus, Direktor des Bierbrauer-Verbands, weist Kritik an überhöhten Preisaufschlägen zurück: «Es ist in ganz Europa ähnlich: Zur Rohstoffkostenteuerung kommen die höheren Energiekosten und die Verteuerung der Gebinde. Nein, was die Brauereien betrifft, kann man nicht davon ausgehen, dass man versucht, etwas herauszuholen bei dieser günstigen Gelegenheit.»

Gastro-Suisse: Welle von Aufschlägen

Und so sieht die Bier-Rechnung aus: Eine Stange Bier kostet in vielen Beizen 4 Franken. Hopfen und Malz machen pro Stange gerade einmal 3 Rappen aus. Künftig kosten diese Rohstoffe 7 Rappen und verteuern damit das Bier um 4 Rappen. Doch Wirte wollen 10 oder gar 20 Rappen aufschlagen, deutlich mehr als die gestiegenen Rohstoffpreise rechtfertigen.

Den höheren Preisaufschlag begründet Ernst Bachmann, Vize-Präsident von Gastro-Suisse, mit zusätzlichen Kosten: «Ich bekomme momentan jeden Tag Briefe, die massive Preisaufschläge ankündigen. Man spricht davon, dass es in den letzten zehn bis zwanzig Jahren nie solche Wellen von Aufschlägen gegeben hat – das trifft auch uns. Und wir als letztes Glied in der Kette sollten unsere Preisaufschläge rechfertigen, aber auch wir müssen rechnen und geschäften.»

Preiserhöhungen auch beim Joghurt: Die Bauern erhalten für einen Liter Rohmilch nächstes Jahr 6 Rappen mehr. Das hat jedoch kaum etwas mit den steigenden Milchpulverpreisen auf dem Weltmarkt zu tun. Wirtschaftsprofessor Binswanger: «Der Milchpreis in der Schweiz ist im wesentlichem ein Verhandlungspreis, der ausgehandelt wird zwischen den schweizerischen Milchproduzenten und den einheimischen Milchverarbeitern. Die haben das jetzt als willkommene Gelegenheit benutzt, um auch den Milchpreis wieder ein wenig zu erhöhen, wo er ja über lange Zeit gesunken ist.»

«Bescheidene Margen bleiben klein»

Folge der teureren Milch: Der Preis für Milchprodukte steigt, auch für Joghurt. Noch verhandeln Hersteller wie Emmi mit den Grossverteilern über die Höhe der Preisaufschläge. Erhöht Emmi die Preise ihrer Milchprodukte übermässig? Stefan Wehrle von Emmi: «Ganz und gar nicht. Die Preissteigerungen sind nicht überproportional. Man muss sehen, dass in den letzten Monaten bei den Rohstoffen und im Energiebereich zum Teil massive Preiserhöhungen stattgefunden haben. Die Margen in der verarbeitenden Industrie sind klein, und sie werden auch bescheiden bleiben.»

So viel darf Joghurt wegen des gestiegenen Rohmilchpreises höchstens teurer werden: Ein Nature-Joghurt kostet bisher rund 50 Rappen. Der Rohmilch-Anteil macht 15 Rappen aus. Der gestiegene Rohmilchpreis verteuert das Joghurt um einen Rappen und rechtfertigt keine höheren Preisaufschläge.

Kassensturz, 16.10.2007

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