Inhalt

Sendung vom 01.07.2008

Neuer Lohnrechner: Frauen verdienen weniger

Dienstag, 1. Juli 2008, 20:03 Uhr, Aktualisiert 02.09.2010, 20:32 Uhr

Mit dem Online-Lohnrechner des Bundesamts für Statistik kann jeder nachsehen, was andere verdienen. Das neue Programm beweist: Frauen werden beim Lohn trotz gleicher Ausbildung und gleicher Erfahrung nach wie vor diskriminiert. So viel Transparenz verärgert die Wirtschaftsverbände.

Videoplayer
Neuer Lohnrechner: Frauen verdienen weniger

Seit 1981 steht es in unserer Bundesverfassung: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, die Diskriminierung von Frauen ist verboten. Was der neue Lohnrechner des Bundes zeigt, kennt Renate Allemann aus eigener Erfahrung: unberechtigte Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau.

Jahrelanges Verfahren

Allemann arbeitete zuerst als Informatik-Ausbilderin und später als Organisatorin bei der La Suisse Versicherung. Sie stellte fest: Für die gleiche Arbeit verdiente sie rund 2000 Franken pro Monat weniger als männliche Kollegen. Renate Allemann reklamierte beim Arbeitgeber – ohne Erfolg. Dann ging sie vor Gericht. Fünf Jahre dauerte das Verfahren. Schliesslich bekam sie in einem Vergleich 45'000 Franken zugesprochen. Allemann hat heute eine neue Stelle. Sie hat für ihr Recht gekämpft. Doch viele Frauen verdienen weniger als ihnen zusteht.

Gleicher Lohn für Frauen und Männer für gleiche Arbeit – so will es das Gesetz. Die Realität sieht nicht selten anders aus. Das beweist nun offiziell der neue Lohnrechner des Bundes: Frauen verdienen häufig weniger, selbst mit gleicher Ausbildung und Erfahrung. «Das ist verboten in der Schweiz. Das ist eine Lohndiskriminierung. Männer und Frauen müssen gleich viel verdienen, wenn sie das gleiche machen und die gleiche Ausbildung haben», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds.

Hinweis auf Diskriminierung

Das Bundesamt für Statistik (BFS) in Neuchâtel hat den Internet-Lohnrechner entwickelt. Didier Froidevaux, Chef Sektion Löhne, sagt, der Rechner soll die Lohntransparenz verbessern. Das Instrument basiere auf Angaben von 1,2 Millionen Angestellten der Privatwirtschaft. Der Lohnrechner gebe einen Hinweis auf Diskriminierung, sei aber keine genaue Messung. Laut Froidevaux liegt der Lohnunterschied in der Schweiz bei 20 Prozent. Die eine Hälfte sei erklärbar mit objektiven Faktoren wie der Ausbildung oder dem Alter. «Die andere Hälfte ist sehr wahrscheinlich verbunden mit Lohndiskriminierung», sagt Froidevaux.

Der BFS-Fachmann zeigt, wie der Lohnrechner funktioniert: Er nimmt das Beispiel einer Verkäuferin. Um den Lohn zu berechnen, muss der Benutzer detaillierte Angaben machen: Ausbildung, Alter, Dienstjahre oder Geschlecht. Der für das Profil der Verkäuferin berechnete Durchschnittslohn beträgt 4170 Franken. Der Lohnrechner zeigt: Ein Mann mit genau gleicher Ausbildung und Erfahrung verdient im Schnitt 17 Prozent mehr. Der Monatslohn ist 709 Franken höher.

Kriterien unterschiedlich

Lohndiskriminierung gibt es nicht nur im Detailhandel. Beispiel Versicherungsbranche: Eine 40-jährige Frau mit 10 Dienstjahren verdient 8885 Franken. Ein Mann mit gleicher Ausbildung und Erfahrung im Schnitt 9725 Franken. Der Mann verdient 9.5 Prozent mehr. Beispiel Gastgewerbe: Die Frau verdient 4583 Franken. Ein Mann mit genau gleichem Profil hat im Schnitt 6,1 Prozent mehr Lohn.

Wenn es um den Lohn geht, bewerten Chefs Männer und Frauen unterschiedlich, kritisiert Christine Michel, Gleichstellungsbeauftragte bei der Gewerkschaft Unia. Das könne darauf zurückzuführen sein, dass Fähigkeiten, die Frauen vielleicht eher mitbringen, weniger gut eingestuft würden – zum Beispiel Organisationstalent, Einfühlungsvermögen, oder manuelles Geschick. «Fähigkeiten der Männer wie körperliche Stärke oder Durchsetzungsvermögen werden unter Umständen besser bewertet und schlagen sich dann in einem höheren Lohn nieder», vermutet Michel.

Die Feller AG in Horgen legt traditionell Wert auf faire Löhne. 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen Schalter und Steckdosen her. Ungerechtfertigte Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sollte es heute keine mehr geben. Die Feller AG liess die Löhne von einer externen Firma überprüfen. «Wir stellten fest, dass wir eine diskriminieren Lohnsituation von 6 bis 7 Prozent haben», sagt Personalchef Willi Schilling. Das Resultat überraschte ihn: «Wir hatten gedacht, es fällt besser aus.»

Augen verschlossen

Lohndiskriminierung bleibt häufig unentdeckt. Daniel Lampart kritisiert: Viele Unternehmen verschliessen die Augen vor dem Problem. Sie würden sich weigern, ihre Lohnpolitik zu überprüfen. «Sie behaupten einfach, es gebe keine Lohnunterschiede.» Doch das BFS, so Lampart weiter, zeige ungerechtfertigte Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen klar auf. Deshalb fordert der Chefökonom: «Die Unternehmen müssen endlich damit aufräumen.»

Kassensturz, 01.07.2008